Die schulische Realität

Die Schule hat die Aufgabe, allen Kindern und Jugendlichen, auch den von einer Legasthenie bzw. LRS betroffenen, das Erlernen der englischen Sprache zu ermöglichen. Darin eingeschlossen ist der Erwerb der Schriftsprache, so dass die jungen Menschen in der Lage sind, englische Texte korrekt zu lesen und zu schreiben.

Dieser Auftrag ergibt sich in NRW aus diversen schulrechtlichen Vorgaben (Schulgesetz, Ausbildungsordnungen, Lehrpläne). Der für NRW gültige LRS-Erlass bezieht das Fach Englisch (wie auch alle anderen Fächer) bei den Fragen rund um die Leistungsmessung ausdrücklich mit ein. Wie im Fach Deutsch erhalten Betroffene sowohl einen Nachteilsausgleich als auch einen Notenschutz. Förderhinweise für die Fremdsprachen sind im LRS-Erlass im Gegensatz zum Fach Deutsch zwar nicht enthalten, leiten sich aber aus den oben aufgeführten Vorschriften ab.

Unabhängig von den Erlassvorgaben zum Nachteilsausgleich und Notenschutz müssen die Lernbedingungen betroffener Schüler im Englischunterricht grundsätzlich als äußerst problematisch bezeichnet werden. Einerseits ist, wie in Abschnitt 2 angedeutet, die englische Sprache als solche in Bezug auf das Laut-Schrift-System ausgesprochen anspruchsvoll. Andererseits hat das Thema LRS/Legasthenie bislang keinen Platz in der Ausbildung der Fremdsprachenlehrer. Auch in der berufsbegleitenden Lehrerfortbildung führt es ein Schattendasein. So kommt es, dass viele Lehrkräfte erst mit dem Eintritt in die Berufspraxis, also nach Studium und Referendariat, das erste Mal mit der Problematik konfrontiert werden.

Hinzu kommt, dass zwar viele Schulen spezifische LRS-Förderkurse für Deutsch anbieten, für die Fremdsprache Englisch ein solches Angebot jedoch praktisch nicht existiert. Eltern, die eine LRS-Förderung im Bereich der Fremdsprache wünschen, sind folglich auf den außerschulischen Förder- und Nachhilfebereich angewiesen, aber auch dort findet man spezielle LRS-Englisch Angebote eher selten.

 

Was die Schule tun kann bzw. muss

Angesichts der zuvor geschilderten Mängel stellt sich die Frage, was getan werden kann bzw. muss, um die Lernsituation der von LRS/Legasthenie Betroffenen im schulischen Englischunterricht zu verbessern. Hierzu fünf Maßnahmen:

  • Fortbildungen durchführen,
  • Betroffene ermitteln und anerkennen,
  • Hürden im Unterricht abbauen,
  • Betroffene fördern,
  • Notenschutz & Nachteilsausgleich gewähren,

 

1. Fortbildungen durchführen

Da Englischlehrer, wie oben erwähnt, normalerweise wenig über das Thema LRS und Legasthenie in ihrer Ausbildung erfahren, in jeder Schulklasse aber durchschnittlich zwei bis drei betroffene Schüler sitzen, müssen Lehrkräfte über den Weg der Fortbildung kompetent gemacht werden, um diese Schüler besser unterstützen zu können. Als mittelfristige Maßnahme sollte das Thema in die Ausbildungsordnungen für künftige Fremdsprachenlehrer aufgenommen werden.

 

2. Betroffene ermitteln und anerkennen

Laut Erlass ermittelt der Deutschlehrer, welche Schüler unter den LRS-Erlass fallen. Diese Schüler erhalten automatisch auch in Englisch bei der Leistungsfeststellung, also bei Klassenarbeiten und Vokabeltests, einen Nachteilsausgleich und den Notenschutz, auch wenn der Englischlehrer, was allerdings unwahrscheinlich ist, bei einem Betroffenen keine besonderen Rechtschreib- und Leseschwierigkeiten feststellen sollte. Im ebenso seltenen umgekehrten Fall, also wenn nicht in Deutsch, sondern nur in Englisch die Schwierigkeiten bestehen, kann der LRS-Erlass nicht angewandt werden. Allerdings steht es dem Englischlehrer im Rahmen seiner pädagogischen Freiheit und seines grundsätzlichen Auftrags zur individuellen Förderung frei, angepasste Maßnahmen zu ergreifen. So könnte er beispielsweise durchaus einen Vokabeltest bei bestimmten Schülern nur mündlich durchführen.

 

3. Hürden abbauen

Auch wenn, aus welchen Gründen auch immer, keine spezifische LRS-Förderung im Fach Englisch möglich ist, können wie im Deutschunterricht auch im Fach Englisch zumindest Hürden abgebaut werden, die es betroffenen Schülern schwer machen, dem Unterricht einigermaßen erfolgreich zu folgen. Folgende Maßnahmen kommen hier in Betracht:


Unterrichtstempo flexibilisieren 

Der Unterricht wird so organisiert, dass langsame Schüler mehr Zeit bekommen bzw. weniger umfangreiche Aufgaben erhalten während schnellere Schüler mehr bzw. umfangreichere Aufgaben bearbeiten. Hierfür ist es notwendig, zuvor den Unterrichtsstoff in einen Basis- und einen Zusatzteil zu gliedern.


Stoffdruck reduzieren

Lehrer sollten sich weniger starr an Lehrbuchvorgaben oder überladenen Lehrplänen orientieren als an den tatsächlichen Lernprozessen der Schüler. Da Englisch ein übungsintensives Fach ist, das auf ständiges Wiederholen bereits gelernter Inhalte angewiesen ist, sollten Lehrer mutiger sein und der Devise folgen, dass weniger letztendlich mehr bedeutet. Dies gilt insbesondere für Schüler, die von einer LRS bzw. Legasthenie betroffen sind.


Textformat anpassen

Eine weitere Hürde, allerdings weniger grundsätzlicher Natur als die beiden zuvor erläuterten Missstände, besteht darin, dass Lernmaterial, vor allem also Texte, aufgrund ihrer Formatierung für LRS/Legasthenie-Betroffene schwer lesbar sind. Folgende Maßnamen können hier Abhilfe schaffen:
• legastheniefreundlicher Schrifttyp (zum Beispiel Comic Sans, Open Dyslexic),
• Schriftgröße 14,
• größerer Zeilenabstand,
• größerer Wortabstand (doppelte oder dreifache Leerzeichen),
Wenn Lehrer ihren Schülern oder deren Eltern Texte vor ihrer Verwendung im Unterricht digital zur Verfügung stellen, könnten diese die Umformatierung selbst im Vorfeld vornehmen.


fachspezifische Hürden abbauen

Neben den zuvor aufgeführten allgemeinen Prinzipien können für den fremdsprachlichen Fachunterricht noch folgende Tipps gegeben werden:

• Bewusstmachung von sprachlichen Regeln,
• Erklärungen in der Muttersprache,
• Einführung von Schrift erst, wenn Lautbild-Semantik-Verbindung sicher ist,

bzgl. Vokabel-/ Wortschatzarbeit
• systematisches Lernen mit Kartei-Systemen (auch digital möglich; >dict.cc)),
• multisensorisches Erarbeiten,
• Vermitteln von Lerntechniken,
• Differenzierung des Lernwortschatzes; die ‚Units‘ nach wichtigen und unwichtigen Wörtern sortieren, Training des Minimalwortschatzes,

bzw. Aussprache und Rechtschreibung
• Graphem-Phonem-Training (mit spez. Fördermaterial),
• Wortbildgedächtnis-Training,
• hohe Sprechanteile im Unterricht,

bzgl. Grammatik
• visuell und anschaulich arbeiten,
• weniger schriftliche, mehr mündliche Übungen,
• Inhalte häufiger wiederholen,

bzgl. Hör- und Leseverständnis
• Einstieg durch Vorgaben erleichtern,
• Schreibanteile reduzieren,
• Kompromiss zwischen Textlänge und Inhalt finden,

 

4. Betroffene Schüler fördern

Während es relativ unaufwendig ist, die zuvor beschriebenen Hürden für Schüler mit einer LRS bzw. Legasthenie abzubauen, stellt die eigentliche Förderung eine deutlich größere Herausforderung dar. Wie eine unlängst veröffentliche Metastudie zeigt, liegt der effektivste Förderansatz bei einer LRS bzw. Legasthenie in einer gezielten Entwicklung der phonologischen Bewusstheit, dass heißt in der Vergrößerung des Wissens um die Laut-Schrift-Strukturen einer Sprache. Voraussetzung für eine zielgerichtete Förderung ist die Feststellung der Lernausgangslage, denn die ist bei den Betroffenen individuell höchst unterschiedlich. Nach der Durchführung entsprechender Tests ergibt sich bzgl. der Lese- und Schreibleistung ein Stärken-Schwächen-Profil, an dem ablesbar ist, welche Graphem-Phonem-Beziehungen bereits beherrscht werden und welche sich noch im Aufbau befinden. Auf dieser Grundlage lässt sich ein individueller Förderplan erstellen. Mit Hilfe spezieller Übungsmaterialien kann sodann die eigentliche Förderung beginnen, im Fachunterricht Englisch, in offenen Lernzeiten oder auch zu Hause. Idealerweise sollte die Förderung in einem sogenannten Förderkreislauf stattfinden (Bestimmung der Lernausgangslage – Erstellung eines Förderplans – Förderung – Auswertung).

 

5. Nachteilsausgleich und Notenschutz gewähren

Bezüglich des Nachteilsausgleich ist ähnlich zu verfahren wie bei Leistungsüberprüfungen im Fach Deutsch (siehe Punkt Schule Nachteilsausgleich und Notenschutz).
Bei der Gewährung des Notenschutzes sind einige Besonderheiten im Fach Englisch zu beachten. „Die Rechtschreibleistungen werden nicht in die Beurteilung der schriftlichen Arbeiten und Übungen im Fach Deutsch oder in einem anderen Fach mit einbezogen.“ (LRS-Erlass 1991). Diese Vorschrift des Erlasses ist eindeutig und bedarf keiner weiteren Erläuterung.

Für die praktische Umsetzung sind folgende Hinweise möglicherweise hilfreich. So bietet es sich an, bei Vokabeltests für alle Schüler einer Klasse die semantische Leistung, also die Kenntnis der Wortbedeutung, und die orthografische, also die Kenntnis der Schreibweise, getrennt zu erfassen und zu bewerten bzw. letztere bei Vorliegen einer LRS bei der Bewertung auszuklammern.

Bei regulären Klassenarbeiten, die laut Lehrplanvorgaben in der Regel aus rezeptiven Aufgaben (also Aufgaben zur Überprüfung des Lese- oder Hörverstehens) und produktiven Aufgaben (also Schreiben eines zusammenhängenden Texts) bestehen, stellt sich das Bewertungsproblem im Fach Englisch weniger dramatisch als im Fach Deutsch. Das liegt daran, dass die Rechtschreibleistungen bei Englisch-Klassenarbeiten einen relativ geringeren Stellenwert gegenüber den zahlreichen anderen Teilleistungen hat, die in einer Klassenarbeit gefordert und überprüft werden.

 

Literatur

  • Baummann, Xenia (2008): Handboot zur Rechtschreibförderung im Englischen. Münster: Lernserver
  • Dast, Helmut (2003): Das unnötige Versagen in Englisch. Neue Ergebnisse der Legasthenieforschung verbessern den Englischunterricht für alle Schüler Böblingen, Institut für schriftsprachliche Pädagogik, 3., vollständig neu konzipierte Auflage
  • Gerlach, David (2010): Legasthenie und LRS im Englischunterricht: theoretische Befunde und praktische Einsichten. Münster: Waxmann
  • Kerstin, Bert: Fit in Englisch trotz LRS: Vokale AOL Verlag,2. Auflage 2010
  • Kerstin, Bert: Fit in Englisch trotz LRS: Diphthonge und Konsonanten. AOL Verlag, 2. Auflage 2011
  • Landerl, Karin (1996): Legasthenie in Deutsch und Englisch. Frankfurt/ Main: Lang
  • Lanzinier, Isabell Maria (2006): Legasthenie in der Fremdsprache Englisch (kostenloser Download)
  • Sellin, Katrin (2004): Wenn Kinder mit Legasthenie Fremdsprachen lernen, Ernst Reinhard GmbH & Co. KG Verlag, München.