Auszug aus dem Buch: „Die Verschiedenheit der Köpfe“ von Enid Heynel

Erklärung der Autorin:

Die Jahre unserer Kindheit sind die Jahre eines wirklichen Lebens. In Maliks Fall jedoch waren sie überschattet von Stress, Unordnung, Chaos und Intoleranz, welche die Stolpersteine auf seinem Schulweg mit der Legasthenie als Fußfessel verkörperten.

Malik hasste Schreiben über alles! Wenn er irgendetwas aus seinem Leben hätte verbannen können, dann wäre es das Schreiben gewesen. Hausaufgaben waren eine Tortur. Malik ging immer über seine Grenzen hinaus und weinte viel zu viel. Zwar war es in der Grundschule besser als in der Waldorfschule, doch wenn es um das Schreiben von Sätzen ging, war Maliks Toleranz aufgebraucht.

Durch diese Verhaltensauffälligkeiten kam ich wieder in den Zwang mir Gedanken zu machen an was das liegen könnte. Seine enorme Abneigung und seine entsprechenden Reaktionen darauf waren so intensiv, dass es eine Ursache haben musste. Kein Kind verschwendet tagtäglich so viel Energie darauf, Widerstand gegen das Schreiben zu leisten, wenn es nicht von Nöten getrieben wird. Und er war wirklich in großer Not, dass hatte ich schon lange gesehen. In der Schule musste er sich zusammenreißen, da wollte er nicht so ausflippen und weinen wie zu Hause. Doch in den eigenen vier Wänden konnte er seiner Verzweiflung nicht mehr Herr werden. Er stand jeden Tag vor einem Abgrund, sah in die Tiefe und hatte mächtige Angst hinunterzustürzen. Ich versuchte ihm so gut wie möglich Halt zu geben, doch leider war ich oft selber ratlos.
Ich wusste, dass mein Sohn nicht so intelligenzgemindert war, dass er immer wieder die gleichen Fehler machte und in seiner Schule, was das Schreiben anbelangte, nichts dazu lernte. Und doch übten wir Diktate rauf und runter, auch während der Ferien.
Ich konnte nicht begreifen wie man immer wieder das Geübte über Wochen hinweg falsch schreiben konnte. Wenn ich ihm eine Woche lang die gleichen kurzen Sätze diktierte, schrieb er sie eine Woche lang jedes Mal unterschiedlich falsch. Mal waren richtige Wörter dabei, doch das konnte am nächsten Tag wieder anders aussehen. Auch ich kam dabei viel zu oft an meine Grenzen. Ich bemühte mich tagtäglich mit seiner Ungeschicklichkeit klar zu kommen. Es gab jedoch auch Tage, an denen ich selber nicht mehr vernünftig und gerecht sein konnte, da belastete ich mit meinem Geschimpfe und dummen Kommentaren die irrsinnige Situation noch zusätzlich.
Das Phänomen war jedoch, dass Malik generell die Buchstaben „b“ und „d“ in einem Wort verwechselte. Ich versuchte es mit Hilfen, dass im großen „B“ das kleine „b“ versteckt ist und dass bei einem „b“ wie Bauch, der Bauch nach rechts zeigt. Aber Malik konnte zwischen links und rechts nicht unterscheiden, also half das bei ihm über Monate und Jahre hinweg leider auch nichts.
Das unentwegte Wiederholen bereits erfassten Wissens trieb ihn in die Demotivation und ließ ihn im Stich im Glauben an sich selbst. Er konnte sein Wissen nicht auf dem Blatt umsetzen. Er wurde wie Sisyphos dazu verurteilt sein Dasein mit einer unnützen und aussichtslosen Arbeit zu verbringen. Jeden Morgen wusste er was der Tag bringen würde. Sein Kreuz, das er mit sich herumschleppte, wurde tagtäglich schwerer, der Weg schien kein Ende zu nehmen. Es war nur eine Frage der Zeit bis er darunter zerbrechen würde. Das konnte doch nicht der Alltag eines jungen Kindes sein, hoch belastet mit der Schule und dem Erlernen des Lesens und Schreibens.

Mathematik mochte er wieder gerne. Sobald jedoch Sätze geschrieben werden mussten, wurde auch dieses Fach zum Hassfach. Außerdem las er sehr schnell und oberflächlich, hin und wieder stockend, getrieben von seiner Angst, weil er genauso schnell und flüssig wie die anderen lesen wollte. Doch dadurch veränderten sich manche Wörter. Aus Montag wurde Monat, aus Runde wurde Stunde. Das alles ergab dann einen komplett anderen Sinn, wodurch er wiederum weitere Fehler machte. Genau durch diese vielen Verhaltensweisen, aus seinen Nöten heraus geboren, entstanden viele kleine Fehler, die irgendwann zum großen Problem wurden.

Bei uns zu Hause herrschte eine enorme Spannung. Malik war durch die Schule ausgelastet, musste dann noch Hausaufgaben machen, vergeudete, durch sein tägliches Weigern zu schreiben und zu lesen, jede Menge Zeit und Energie. Dieser Teufelskreis bestimmte unser Leben.
Als im dritten Schuljahr das Erlernen der Schreibschrift hinzukam, bedeutete dies eine weitere Belastung. Beides gleichzeitig in schnellem Tempo umzusetzen, war für ihn nicht möglich. Es war auch nicht im Schneckentempo möglich, abgesehen von den anderen „Kleinigkeiten“, wie konzentriertes Zuhören, die Geräuschkulisse im Klassenzimmer, die Orientierung auf seinen Arbeitsblättern und in seinen Büchern zu halten. Hinzu kam der Nachbar, der ihn ablenkt oder den er selber gerne mal ablenkte, Fragen, die er hatte und sich nicht traut zu stellen, und demzufolge dem Geschehen im Unterricht nicht mehr folgen konnte. Dann fand er seine Sachen in der Schultonne nicht und es fielen Sätze wie „Du musst eben besser aufpassen“.
Für eine Schule war er wohl nicht geeignet, denn Ordnung in sein Leben zu bekommen, war mittlerweile zu einem absurden Versuch verkommen. Es tat ihm weh. Keiner setzte sich zu ihm oder hatte ein Wort für seine Gefühle übrig. Und seine Gefühle waren so stark, dass er sich oft nicht beherrschen konnte. Doch ich gab ihm zu Hause Mitgefühl. Ich rannte wie „Der letzte Bulle“ in meinem Alltag herum, um den Fall zu lösen, ihn zu unterstützen wo es nur ging, doch mir fehlten der Witz und der entsprechende Partner dabei.

Bei all diesen fürchterlichen Anhäufungen von Stress hatte Malik trotzdem große Langeweile. In seinem Leben war Langeweile ein großes Thema, doch hatte er auch keine Lust bei Freizeitaktivitäten mitzumachen. Das, was er gerne mochte, waren Verabredungen mit seinen Freunden und seine eigene freie Zeit in seinem Zimmer, von der er viel zu wenig hatte. Im Zusammensein mit seinen Freunden kamen ihm keine Hindernisse in den Weg. Da war er ein Junge, wie alle anderen auch.
Malik war oft tief traurig, weil er in der schönsten Zeit seines Lebens, nämlich Kind sein, keine Zeit für sich und die angenehmen Dinge hatte. Die Jahre unserer Kindheit, das sind die Jahre eines wirklichen Lebens. Und gerade die waren überschattet durch eine große Last.

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